Scham
- Martina Ertl
- May 5
- 3 min read
In meinen Coachings, aber auch in Teamprozessen, stoßen wir früher oder später meistens darauf: Die Scham. Das Gefühl von "so bin ich nicht richtig" und ich hab Angst Zugehörigkeit zu verlieren. Die unzähligen Masken und Anpassungen und Schutzstrategien, um nie wieder diese schmerzhafte Emotion fühlen zu müssen.
Dabei hat auch diese Emotion ihren Sinn, die Natur hat uns nicht umsonst damit ausgestattet. Die Scham ist die "Hüterin der Bescheidenheit" (Eilert 2022), in ihrer lichten Funktion motiviert sie uns an Regeln und (unausgesprochene) Vereinbarungen zu halten. Zu reflektieren, wo wir positiv zu einer Gruppe beitragen und wo nicht. Ich sitze zB nicht im Strandkleid in meiner Praxis, obwohl es gemütlich wäre, weil ich auf das Bedürfnis nach Sicherheit, Rollenklarheit, Professionalität, gesunder Distanz meiner Klient*innen Rücksicht nehme. Wenn doch, würde mir die Scham sagen - äääähh, war nicht so passend. Und ich lerne daraus.
In einer gesunden Beziehung zu unserer Scham nehmen wir sie wahr, wissen aber auch, dass wir Menschen sind und damit fehlerhaft und individuell und dass wir uns nicht immer so verhalten können, wie es genau für alle passt. Manchmal wissen wir ja gar nicht, was sich das Gegenüber gerade wünschen würde. Wir sind milde und verzeihend mit uns. Und entscheiden, ob wir unser Verhalten anpassen wollen oder nicht.
In einer dysfunktionalen Scham wollen wir uns nur mehr verstecken, im Boden versinken. Wir werten uns ab, zerfleischen uns. Entwickeln Strategien, um uns nicht mehr so schämen zu müssen.

Beispiele für solche Strategien:
1. Vermeidung und Rückzug: Man zieht sich stark zurück, vermeidet Nähe oder Situationen, in denen man „entlarvt“ werden könnte. Das kann zu Isolation führen.
2. Perfektionismus: Ich versuche möglichst perfekt zu sein. Ja nieeee mehr eine Angriffsfläche bieten: alles muss richtig, sauber, kontrolliert sein. Fehler werden als persönliches Versagen erlebt, nicht als Lernchance. Erschöpfung ist oft die Folge.
3. Angriff nach außen: Scham wird in Wut verwandelt. Statt sich „klein“ zu fühlen, greift man andere an, kritisiert oder wertet ab. Das schützt kurzfristig das Selbstbild.
4. Selbstabwertung: Ein innerer Dialog wie: „Ich bin falsch“, „Mit mir stimmt etwas nicht“. Hier wird Scham internalisiert und stabilisiert ein negatives Selbstbild.
5. Abspaltung / Betäubung: Gefühle werden gar nicht mehr richtig gespürt – z. B. durch Dauerablenkung, Arbeit, Konsum oder auch Substanzen.
6. Überanpassung (People Pleasing): Man richtet sich stark nach anderen aus, um bloß keine Ablehnung zu riskieren. Eigene Bedürfnisse geraten dabei in den Hintergrund. Die Meinung anderer ist immer richtiger als meine Eigene.
Falls du eine oder mehrere dieser Strategien kennst, ist es vielleicht Zeit, dass du dich deiner Selbstliebe widmest und der Aussöhnung mit deinen Schwächen. Hier kann ein Coaching richtig gut helfen.
Wenn die Erfahrung von Scham traumatische Züge hat, du z.B. als Kind auf eine Art und Weise beschämt wurdest, die höchstgradig verletzend und überfordernd war, ist eine Therapie die bessere Wahl.
Die Beschäftigung mit deiner Scham führt in Richtung Freiheit, vielleicht oder wahrscheinlich durch Schmerz hindurch. Aber der Weg lohnt sich, das versprech ich dir!
Ich persönlich schäme mich - zumindest meistens - nicht mehr für: unelegantes Tanzen, meinen alternden Körper, etwas nicht wis
sen, stolpern, Hilfe brauchen, überfordert sein, lahme Geburtstagsparties, uvm.
Aber wenn sie kommt, die Scham, frag ich sie "Was ist grad deine Botschaft?" und wenn's gut läuft, aktiviere ich noch ganz viel Selbstmitgefühl dazu. Dann ist alles gleich nicht mehr so schlimm : )



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