Wie ich so ein freier Mensch geworden bin (bin ich das?) und was das mit Organisationen zu tun hat
- Martina Ertl
- Feb 16
- 2 min read
Kürzlich wurde ich gefragt: „Wie bist du so ein freier Mensch geworden?“
Mein erster Impuls war ehrlich gesagt: So frei fühle ich mich oft gar nicht.
Da sind Tage, an denen alte Muster laut werden, an denen ich mich klein fühle, angepasst, unsicher, vorsichtig.
Freiheit ist für mich kein Dauerzustand und kein Persönlichkeitsmerkmal. Sie ist nichts, das man irgendwann erreicht und dann besitzt wie einen Wanderpokal. Eher ein Bewegungsraum, ein immer wieder neu mögliches Werden.
Nach dem ersten Impuls kam ein zweiter:
Vielleicht bin ich freier geworden, indem ich angefangen habe, mir meine Abgründe anzusehen.
Alles, wo sich Scham meldet, wo Angst sitzt, wo Trauer wohnt, wo Wut brennt.
Die Sache mit dem Schatten
Wir alle haben gelernt, bestimmte Seiten von uns lieber nicht zu zeigen. Zu laut. Zu bedürftig. Zu wild. Zu empfindlich. Zu kompliziert.
Also bauen wir Fassaden. Rollen. Kompetenzen. Freundlichkeit. Professionalität.
Das ist nicht falsch – es hilft uns, in der Welt zu navigieren. Aber es kostet Energie und manchmal kostet es Lebendigkeit.
Die eigenen Schatten zu betrachten, sie wirklich zu spüren und Stück für Stück zu integrieren, ist für mich ein Weg in Richtung Freiheit.
Manchmal bedeutet das sogar, sie liebevoll zu umarmen.
Nicht, weil sie plötzlich angenehm wären. Sondern weil sie aufhören, im Verborgenen die Regie zu führen und weil sie meistens einen guten Grund haben, dass sie da sind.
Und nur damit das klar ist: Dieser Weg ist bei mir noch lange nicht zu Ende.
Ich entdecke weiterhin neue Keller, neue Winkel, neue Ego-Schutz-Mechanismen.
Was das mit Organisationen zu tun hat
Ich glaube, was für Menschen gilt, gilt auch für Organisationen.
Auch sie haben Schatten.
Unausgesprochene Konflikte. Machtgefälle, über die niemand spricht. Erschöpfung hinter dem Engagement. Angst vor Fehlern. Zynismus unter der Oberfläche von Motivationsparolen. Informelle Regeln, die mehr steuern als jedes Organigramm.
Und dann versuchen wir manchmal, all das mit einem neuen, glänzenden Zukunftsbild zu überdecken. Mit starken Worten, großen Visionen, hübschen Leitbildern.
Die werden dann – natürlich partizipativ – ausgerollt.
(zynisch? Sorry.)
Ausrichtung und gemeinsame Bilder sind wichtig. Aber wenn der Schatten nicht mit am Tisch sitzt, bleibt alles ein bisschen dünn.
Der Mut, dorthin zu schauen, wo es weh tut
Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder diese besonderen Momente.
Wenn ein Team aufhört, nett und brav zu sein. Wenn jemand ausspricht, was eigentlich alle wissen. Wenn hinter der Fassade plötzlich Ehrlichkeit auftaucht. Wenn Tränen da sein dürfen. Oder Wut. Oder Ratlosigkeit.
Da wird es dann richtig spannend. Weil Energie zurückkommt und wieder Möglichkeiten entstehen.
Integration statt Überdeckung. Bewusstheit statt Inszenierung.
Und oft transformiert sich dann erstaunlich viel – fast wie von selbst.
Freiheit ist Beziehung
Für mich wächst Freiheit dort, wo ich mit mir selbst ehrlicher werde. Und Organisationen werden freier, wenn sie den Mut haben, sich selbst zu begegnen. Wahrhaftig.
Das braucht Räume, in denen nichts sofort repariert oder optimiert werden muss. Räume, in denen Wahrnehmung vor Lösung kommt. Räume, in denen Menschen mit dem da sein dürfen, was ist. Genau solche Räume liebe ich.
An die Mutigen
Teams, die hinschauen, obwohl es unangenehm ist. Führungskräfte, die Unsicherheit zugeben. Organisationen, die lernen wollen statt gut dazustehen.
I love you 💗
Wirklich.
Denn dort beginnt etwas, das kein Strategiepapier der Welt erzeugen kann:
Lebendigkeit. Verbindung. Bewegung.
Und vielleicht – Schritt für Schritt – ein bisschen mehr Freiheit.



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